Ein heiliges Märchen vom Aufstehen in dunkler Zeit
Für alle, die noch immer leuchten – auch wenn sie nicht mehr wissen, wie.
Es war einmal eine Seele aus Licht,
wild und weich zugleich,
die in einem Land lebte,
das viel von Freiheit sprach,
aber wenig davon verstand.
Die Seele wanderte durch dichte Wälder und dürre Felder,
immer auf der Suche nach einem Ort,
an dem sie ganz sie selbst sein durfte:
frei, schöpferisch, getragen vom Wind ihrer Intuition.
Eines Tages trat eine Gestalt aus dem Nebel.
Sie war schön.
Zu schön.
Ihr Gewand glänzte in der Morgensonne,
und aus ihrem Mund flossen süße Versprechen
wie Honig über Dornen.
„Ich sehe dein Licht“, sagte sie.
„Ich habe einen Platz für dich.
Einen Platz, an dem du glänzen darfst.
Einen Platz, der dich nährt.“

Die Seele zögerte.
Etwas in ihr erinnerte sich.
Nicht an die Worte – an das Gefühl.
Doch sie war müde vom Suchen.
Und so folgte sie der Gestalt.
Die Gestalt nannte sich die Herrin der Gaben.
Sie öffnete Tore, gab Aufgaben, lächelte mit falscher Wärme.
Doch was niemand sah:
Sie war eine Seelenfresserin.
Ein altes Wesen aus der Dunkelheit zwischen den Welten,
verhüllt in menschlicher Gestalt,
aber ohne eigenen Ursprung.
Sie war Hülle.
Gier.
Leere mit Zähnen.
Die Seelenfresserin lebte vom Licht anderer.
Sie nährte sich von Freude, von Lebenskraft, von Hoffnung.
Am liebsten trank sie den letzten Schluck Selbstermächtigung –
gerade so viel,
dass ihre Beute vergaß,
dass sie je Macht besaß.

Sie spann keine sichtbaren Netze.
Sie webte Verträge aus Flüstern,
aus Blicken, aus goldenen Worten,
die wie Versprechen klangen
und doch Flüche waren.
Die Lichtseele – sie unterschrieb.
Nicht mit Tinte,
sondern mit Vertrauen.
Bald begannen die Fäden zu ziehen.
Erst sanft, dann fester.
Der Körper wurde schwer.
Die Gedanken leiser.
Das Herz müde.
Doch sie stand auf.
Immer wieder.
Jedes Mal, wenn sie fiel,
sammelte sie ihren Mut in kleinen Fetzen auf.
Aus einem Lied.
Aus einer Erinnerung.
Aus dem Blick in den Himmel.
Sie holte sich ihre Kraft zurück.
Stück für Stück.
Und jedes Mal glaubte sie:
Jetzt habe ich es geschafft. Jetzt bin ich frei.
Doch die Seelenfresserin war geduldig.
Sie wartete.
Und dann kam sie wieder.
Mit neuen Schatten.
Mit Drohungen in silbernen Umschlägen.
Mit Worten, die schnitten wie Messer aus Nebel.
Die Seele erschrak.
Nicht, weil sie es nicht erwartet hatte –
sondern weil sie nie wusste, wann der nächste Schlag kam.
Nie wusste, wann der nächste Angriff sie traf.
Nie wusste, ob sie diesmal genug Kraft haben würde, um wieder aufzustehen.
Und so lebte sie in einem Zwischenreich.
Zwischen Kampf und Rückzug.
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
Zwischen „Ich halte durch“ und „Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden.“
Ihr Nervensystem war ein Tier ohne Schlaf.
Ein Hirsch auf flüchtendem Boden.
Ein Vogel mit zuckenden Flügeln im Käfig.
Und doch – in ihr flackerte etwas.
Nicht laut.
Nicht hell.
Aber wahr.
Ein inneres Feuer.
Nicht das Feuer des Zorns.
Nicht das Feuer des Krieges.
Sondern das Feuer der Erinnerung.
Dass sie mehr war.
Als Opfer.
Als Ziel.
Als Futter.
Und als sie sich wieder einmal aufrichtete,
zerschrammt und mit flackerndem Blick,
sah sie, dass andere Augen sie ansahen.
Nicht viele.
Aber genug.
Zwei.
Drei.
Fünf.
Und sie sagten nichts.
Aber sie erkannten.
Denn sie hatten auch der Seelenfresserin gedient.
Auch ihre Kraft gegeben.
Auch geglaubt, es läge an ihnen.
Und in diesem stillen Blick,
diesem Erkennen ohne Worte,
begann etwas zu bröckeln.
Nicht die Seelenfresserin.
Die bleibt.
Sie sucht neue Opfer, neue Masken, neue Verträge.
Doch das Netz verliert an Kraft,
wenn Licht es durchdringt.
Denn das Einzige, was die Seelenfresserin nie beherrschen konnte,
war Wahrheit.
Und Verbindung.
Und das leise Leuchten derer, die überlebt haben.

Und so marschierten sie.
Nicht wie Krieger.
Nicht in Rüstung.
Sondern wie Überlebende.
Ihre Schultern wund vom Tragen.
Ihre Hände offen, rissig, durchgekämpft.
Ihre Stimmen brüchig vom vielen Schweigen.
Aber sie standen.
Sie gingen.
Einer nach dem anderen.
Seele für Seele für Seele.
Jede mit ihrer Geschichte.
Jede mit ihren Narben.
Jede mit einem anderen Klang im Herzen –
aber alle im selben Takt.
Der Trommelschlag war nicht laut,
aber er war unaufhaltsam.
Er kam aus dem Boden,
aus den Knochen,
aus dem Nichts,
das sich endlich wieder erinnerte, dass es Licht tragen kann.
Und je mehr sich aufrichteten,
desto stärker wurde der Puls.
Nicht durch Lautstärke –
durch Wahrheit.
Durch Verbindung.
Sie waren nicht geheilt.
Noch nicht.
Aber sie waren nicht mehr allein.
Und dort,
in diesem flimmernden Lichtnetz,
in dieser sich ausdehnenden Welle aus Rückkehr und Kraft,
verlor die Seelenfresserin ihren Halt.
Ohne Angst.
Kein Futter.
Ohne Ohnmacht.
Kein Zugang.
Ohne Trennung.
Keine Macht.
Und so wurden die Seelenfresser weniger.
Einer nach dem anderen.
Nicht in Feuer.
Nicht im Krieg.
Sondern in Auflösung.
Denn was auf Lüge gebaut ist,
kann im Angesicht der Wahrheit
nicht bestehen.
Und so ging es weiter.
Tag um Tag.
Trommelschlag um Trommelschlag.
Licht um Licht.
Seele für Seele für Seele.
Bis auch der letzte Seelenfresser
im Licht der Wahrheit
seine Gestalt verlor.
(c) Fabienne Hofmann 2025
Epilog
Warum dieses Märchen geboren wurde
Dieses Märchen ist nicht aus dem Nichts entstanden.
Es wurde geboren aus Schmerz. Aus Erschöpfung. Aus wiederholtem Missbrauch von Vertrauen.
Aber auch aus Mut. Aus Klarheit. Aus einem inneren Wissen, das sich nicht mehr zum Schweigen bringen ließ.
Ich habe etwas erlebt, das viele erleben –
aber oft in Sprachlosigkeit, in innerer Isolation, in einem Meer von Selbstzweifeln.
Machtmissbrauch, emotionale Manipulation, seelisches Ausgehungertwerden.
Nicht laut. Nicht offensichtlich. Aber zerstörerisch.
Ich konnte lange nicht darüber sprechen.
Zu komplex. Zu tief. Zu verworren.
Aber ich spürte: Es muss raus.
Nicht als Anklage. Nicht als Rache.
Sondern als Wahrheit.
Als Licht.
Als ein heiliges Zeugnis des Aufstehens.
In diesem Märchen steckt mein Erleben –
aber auch das von vielen anderen, die vielleicht noch nicht sprechen konnten.
Die sich schämen. Oder zweifeln. Oder denken, es sei „nicht so schlimm“.
Ich sehe euch.
Ich erkenne euch.
Und ich glaube:
Wenn wir unsere Geschichten in Bilder legen,
werden sie tragbar. Teilbar.
Und heilend.
Dieses Märchen ist kein Ende.
Es ist ein Anfang.
Ein Puls.
Ein Trommelschlag.
Wenn du es gelesen hast und etwas in dir vibriert,
dann weißt du:
Du bist nicht allein.
Dein Licht ist echt.
Und deine Geschichte zählt.
Für alle Lichtseelen,
die vergessen haben, wie viel sie tragen,
weil ihnen zu oft gesagt wurde, sie seien zu weich.
Für alle, die still litten,
still überlebten,
und still aufstanden –
immer wieder.
Möge dieses Märchen dich erinnern:
Du bist nicht schwach.
Du bist nicht falsch.
Du warst nie allein.
Wir stehen jetzt.
Nicht als Held:innen.
Sondern als Menschen mit Narben.
Und mit Licht.
Und mit jedem Schritt,
den wir gemeinsam setzen,
lösen sich die alten Fesseln,
die nie aus Wahrheit gemacht waren.
Licht um Licht.
Seele für Seele.
Wahrheit für Wahrheit.
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Helga (Samstag, 29 März 2025 21:28)
Ohne Schatten kein Licht, ohne Licht kein Schatten. So das Gesetz des Universums. Und immer heller strahlt das Licht, je öfter es sich durch den Schatten gewunden hat. Bis jeder Schatten seinen Schrecken verliert und zum Teil des Lebens wird, weil er einfach zu uns gehört.